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Die Geschichte des Romeo-und-Julia-Stoffs

Es gibt nur wenige künstlerische Stoffe, die es mit dem Faust-Stoff oder dem Stoff der Odyssee aufnehmen können, wenn es um die Zahl der Adaptionen geht. Unzählige verschiedenartige Gestaltungen erfuhren diese Stoffe in Roman, Drama, Gedichten, Malerei, Ballett, Oper, Konzert und Film.

Ein ästhetischer Stoff aber schlägt alle anderen: Die Zahl der Umsetzungen des Romeo-und-Julia-Stoffs lässt sich überhaupt nicht mit Sicherheit vollständig angeben. Partnersuche, Liebe, Tod – alles kann man darin finden.

Als „Ur-Stoff“ dafür diente wohl der griechische Mythos von Hero und Leander. Jede Nacht durchschwamm Leander eine Meerenge, um zu seiner Hero zu gelangen. Als eines Nachts im Sturm Heros Lampe am Ufer erlosch, die Leander zur Orientierung diente, ertrank Leander und Hero wartete vergebens auf ihren Geliebten. Als Hero am nächsten Morgen Leanders Leichnam entdeckte, stürzte sie sich von den Klippen in den Tod.

Um die Zeitenwende überträgt Ovid den Stoff nach Babylonien. Weil ihre Eltern verfeindet sind, dürfen sich Pyramus und Thisbe nicht sehen, obwohl sie sich lieben. Sie können nur durch einen schmalen Spalt zwischen den Häusern miteinander reden. Eines Nachts wollen sie sich zum Dating unter einem Maulbeerbaum treffen, um gemeinsam zu fliehen. Thisbe trifft früher dort ein als ihr Geliebter und wird verjagt von einer Löwin mit vom Fressen blutverschmiertem Maul. Als Thisbe wegrennt, verliert sie ihren Schleier, der von der Löwin zerfetzt wird. Als Pyramus erscheint und den Schleier findet, glaubt er seine Geliebte von der Löwin zerrissen und stürzt sich in sein Schwert. Als nun Thisbe wieder zum Maulbeerbaum zurückkehrt, findet sie den Geliebten tot unter dem Maulbeerbaum.

Im Hochmittelalter schließlich wird der Stoff in vielen Ritterromanen neu und abweichend gestaltet. Am bekanntesten hier sind die zahlreichen Erzählungen um Tristan und Isolde. Es dauerte noch vier Jahrhunderte, bis Shakespeare diesem Stoff seine ästhetisch bislang genialste Form verlieh.

Seit der Shakespeare-Renaissance in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird der Stoff meist nach Shakespeares Vorlage bearbeitet. Prokoffjew, Berlioz und Tschaikowski schrieben Konzerte zu dem Stoff, Gottfried Keller schrieb Mitte des 19. Jahrhunderts mit Romeo und Julia auf dem Dorfe eine der bedeutendsten Novellen des Realismus. Und noch heute fesselt der Stoff die Massen: Die bekannteste moderne Gestaltung erfuhr er in der West Side Story von Leonard Bernstein.

Der Erfolg des Romeo-und-Julia-Stoffs erklärt sich damit, dass er ureigenste Gefühle tragisch umsetzt. Je rationaler und abgeklärter sich die Postmoderne geriert, desto stärker wird im Umkehrschluss die Sehnsucht nach Liebe und Romantik. Nicht zufällig boomt der Bereich der Partnervermittlung so stark. Vielleicht wären Romeo und Julia ja glücklich geworden, wenn es damals bereits eine Kontaktbörse gegeben hätte?

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